Angst beim Reiten – was tun?

Angst beim Reiten kann viele Gründe haben. Und sicherlich gibt es genauso viele verschiedene Methoden, dieses Thema anzugehen, um wieder angstfrei mit dem Pferd umgehen zu können. Die Autorin unseres Gastbeitrages, Susanne Grun, schildert ihr eigenes, traumatisches Erlebnis und wie sie lernen konnte, mit der Angst umzugehen. Wie sie sie schließlich wieder ganz loswurde, erzählt dir die Pferdetrainerin, diplomierte Pferdeverhaltenstherapeutin und Pferdepsychologin. Endlich angstfrei reiten! Wie geht das?

„Das Thema Angst ist in der Reiterweilt irgendwie immer noch ein Tabuthema, stelle ich fest. Doch das sollte es nicht sein. Ich kenne mich aus mit diesem beklemmenden Gefühl, klopfendem Herzen und schweißnassen Händen.

Unsere Autorin Susanne Grun mit ihrem Limerick: „Angst ist in der Reiterweilt irgendwie immer noch ein Tabuthema.“

Denn 2003 hatte ich einen Reitunfall. Beim Ausritt mit meinem Connemara Wallach Limerick scheute er plötzlich am Straßenrand, während sich von hinten langsam ein Auto näherte. Limerick sprang auf die Straße. In diesem Moment kollidierten wir mit dem Auto, überquerten irgendwie die Motorhaube und es schleuderte mich aus dem Sattel. Mein Pferd galoppierte ein paar Meter weg und blieb verängstigt stehen. Wir beide hatten einen sehr großen Schutzengel dabei. Limerick zog sich nur einen Cut unterhalb des Knies zu und ich erlitt nur einige Prellungen. Dieser Unfall traumatisierte mich und meinen Wallach zutiefst. Ich hatte große Angst, wieder in den Sattel zu steigen und Limerick hatte ebenso große Angst. Irgendetwas wollte ich aber tun mit meinem Pferd und so gingen wir viel spazieren und ich begann, mich mit dem Wesen und Verhalten des Pferdes zu beschäftigen. Und mit den Möglichkeiten, die wir haben, um vom Boden aus Vertrauen aufzubauen – gegenseitiges Vertrauen. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich wieder so viel Vertrauen aufgebaut hatte (auch Selbstvertrauen), dass ich wieder in den Sattel stieg. Dieses schlimme Erlebnis brachte mich zur Bodenarbeit. Das war der Ursprung zu ALLES BEGINNT AM BODEN. Heute habe ich viele Kunden, die Reitunfälle oder Stürze hinter sich haben und bei denen Angst ein großes Thema ist. Ich kann diese Angst nachvollziehen, weil ich sie selbst erlebt habe. Ich kann helfen, weil ich es selbst geschafft habe, diese Angst anzunehmen und letztendlich zu überwinden. Denn Angst ist vor allem eines: Der Verlust von Vertrauen. Vertrauen ins Pferd und Vertrauen in mich selbst.

Doch wie entsteht Angst eigentlich?

In meinen Kursen zum Thema „Endlich angstfrei reiten“ nehme ich als Grundlage hierfür immer das Stressmodel von Lazarus (Psychologe Richard Lazarus,1974):

Stressmodel des Psychologen Richard Lazarus.

 

Wenn nun die Angst bei uns Reitern auftritt, gibt es verschiedene Möglichkeiten oder Taktiken, wie wir reagieren können:

  • Wir vermeiden die Angstsituation
  • Wir bagatellisieren die Situation
  • Wir verdrängen die Situation
  • Wir leugnen die Angst
  • Wir übertreiben die Angst
  • Wir generalisieren die Angst
  • Oder wir bewältigen die Angst

Kennst du das? Wie reagierst du?

Heute kann ich dir sagen, dass diese Angst nichts ist, was unüberwindbar ist oder du nicht schaffen kannst. Ich selbst habe es auch geschafft. Und du kannst lernen, mit deiner eigenen Angst umzugehen!

Natürlich ist es so, dass im Pferdesport, genau wie im täglichen Leben, ständig neue, unerwartete Situationen auf uns zukommen. Nur, wer sich wirklich auf Unerwartetes einstellt, kann damit auch leichter und problemloser umgehen. Und letztendlich seine Angst überwinden.

Wer einmal traumatisiert wurde, kann daran arbeiten und seine Angst sukzessive überwinden.

Doch wie? Ich zeige dir 6 Schritte auf, wie du einfach und strukturiert aus deiner Angst herauskommst.

Schritt 1: Probleme erkennen

Das Reiterleben besteht, wie du bestimmt selbst weißt, aus einer ganzen Reihe an Herausforderungen, die gemeistert werden wollen. Um diese Herausforderungen erfolgreich bestehen zu können, ist es wirklich wichtig, dich zuerst zu fragen, WIE du dich überhaupt bei dieser Aufgabe oder Herausforderung fühlst?

Schritt 2: Hör in dich hinein

Frage dich selbst: Wie fühlst du dich während dieser Aufgabe oder Herausforderung, die in dir die Angst aufsteigen lässt? Wie wirken unsere Gedanken und Gefühle auf unseren Körper und wie beeinflussen sie unser Handeln? Elementar wichtig ist es, sowohl DICH selbst und DEINE eigenen Fähigkeiten als auch die Anforderungen der neuen Situation, die dir Angst bereitet, richtig einzuschätzen. Also IST und SOLL zu analysieren!

Schritt 3: Körper und Geist – die zwei Teile des Ganzen!

Wenn du jetzt deiner Angst im Kopf den Kampf ansagen willst, solltest du deinen Körper mit einbeziehen. Wenn du deinen Körper ganz bewusst entspannst, z.B. durch Yoga oder Meditation etc., so entspannt sich auch dein Geist – und wird frei. Dein Geist wird frei, um den negativen Gedanken endgültig den Garaus zu machen. Mein Tipp: Mache das Teufelchen auf deiner Schulter zum Engelchen und lasse dich von ihm in schwierigen Situationen begleiten.

Schritt 4: Sei im Hier & Jetzt

Diese ersten wichtigen Schritte ebnen deinen Weg zum konzentrierten Reiten im Hier & Jetzt. Doch was bedeutet das? Das bedeutet, konzentriert im richtigen Moment auf den richtigen Aspekt zu sein. Dann wirst du erleben, dass die Angst vor dem, was war (Vergangenheit) und vor dem was sein könnte (Zukunft) keine Chance mehr in deinem Leben hat. Kannst du dir das vorstellen?

Schritt 5: Visualisiere!

Jetzt kommt der Zeitpunkt des Visualisierens, der deinen Gedanken buchstäblich Flüüüügel verleiht. Wie sähe ein schöner Tag mit deinem Pferd aus? Was genau würdet ihr unternehmen? Stell dir vor, wie schön es ist, wenn du glücklich und angstfrei reitest oder mit deinem Pferd zusammen bist.

Schritt 6: Die Kraft der Gedanken

Die Kraft – deine Kraft – der Gedanken und der Vorstellung macht es dir nun möglich, dich mit den verschiedensten Situationen auseinanderzusetzen und deinen Geist und deinen Körper so zu trainieren, dass nun genau das zur Realität wird, was dir bis vor Kurzem noch völlig unmöglich erschien: Endlich angstfrei zu reiten!

Was bringt uns eigentlich dazu, Angst zu bekommen? 

Meist kennen wir unsere eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht, haben so auch kein Vertrauen in diese und somit auch kein Selbstvertrauen. All das führt zu Angst, einer Situation nicht gewachsen zu sein. Die Medizin gegen die Angst ist jedoch Selbstvertrauen. Was kann ich eigentlich? Wo liegen meine Stärken? Wenn ich mich das frage, habe ich bereits den Anfang der Angstbewältigung hinter mir.

„Stell dir vor, wie schön es ist, wenn du glücklich und angstfrei reitest oder mit deinem Pferd zusammen bist. Es hilft dir dabei, deine Angst beim Reiten zu überwinden.“

Doch wie stärke ich mein Selbstvertrauen?

Ich habe dir hier 7 persönliche Tipps aufgeschrieben, wie du auf längere Sicht mit Selbstvertrauen und Freude das Reiten und den Umgang mit deinem Partner Pferd endlich wieder angstfrei genießen kannst:

Tipp #1: Gut Ding hat Weile! Lass dir Zeit! Besonders wenn es darum geht, sich mit Ängsten auseinander zu setzen, bringt es wenig, sich zu zwingen. Ganz im Gegenteil: Deine Angst wird dann meist umso größer! Nimm dir also die Zeit, die du brauchst!

Tipp #2: Bleib dir selbst treu! Erinnere dich regelmäßig an deine eigenen persönlichen Werte, unabhängig davon, was andere für wichtig halten.

Tipp #3: Deine eigene ganz persönliche Wahrnehmung bestimmt die Realität. Wenn du dir einredest, du kannst nichts, wirst du auch ständig versuchen, dir selbst recht zu geben, und scheiterst. Schaffe dir also eine Realität, der du selbst positiv gegenüber stehst.

Tipp #4: Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Gedanken Gefühle beeinflussen. Gefühle lassen den Körper reagieren und bestimmen das Handeln. Deshalb: Bleibe dir der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist bewusst und mache dir diese Wechselwirkung positiv zu Nutze.

Tipp #5: Setze dir regelmäßig und ganz bewusst immer schönere und größere Ziele. Bleibe dabei realistisch, aber fordere dich auch jedesmal wieder ein wenig heraus. Denn: Jedes erreichte Ziel fördert dein Vertrauen in DICH selbst – in dein Selbstvertrauen.

Tipp #6: Bleibe lösungsorientiert! Selbst, wenn du vor einer Aufgabe im ersten Moment zurückschreckst und in dir Gedanken aufkommen wie “Das kann ich doch nie!” Denke sofort wieder an IST und SOLL: Was muss ich tun, um diese Aufgabe zu meistern?

Tipp #7: Der letzte aber wahrscheinlich einer der wichtigsten Tipps: Fehler machen ist absolut erlaubt! Verabschiede dich von dem Anspruch, perfekt zu sein. So abgedroschen es auch klingt: Aus Fehlern lernt man und Übung macht den Meister!

Angst beim Reiten muss nicht sein. Wenn du dich dafür entscheidest, die Angst zu bewältigen, dann ist das bereits der 1. Schritt! Auf meiner Homepage www.horselearningbysusn.com findest du alle Infos zu meinen Kursen vor Ort und zu meinem Onlinekurs „angstfrei reiten!“.

Sei nett zu dir, lobe dich, sei nicht zu streng! Sei dein eigener innerer Trainer. Sei immer im Hier & Jetzt, genau so wie es dein Pferd ist. Die Kraft der Gedanken ist immens, mit ihrer Hilfe und deiner Vorstellung kannst du alles erreichen. Visualisiere so oft es geht, wie du dir den perfekten Tag mit deinem Pferd vorstellst und träume regelrecht davon. Denn: Übung macht den Meister.“

 

 

Christine

Meine Leidenschaften Schreiben und Pferde bekomme ich bei Loesdau perfekt unter einen Hut. Seit November 2011 sind Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne und externe Kommunikation sowie die Sozialen Medien meine beruflichen „Spielfelder“.
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Über Christine

Erfahrung/Motivation: Nach einer sehr langen Reitpause begann ich im April 2012 wieder zu reiten. Eine schöne Schwarzwälder Fuchs Stute namens Jeany freute sich genauso wie ich über unsere langen und erholsamen Ausritte durch den Wald. Das Besondere an unserer Verbindung ist und bleibt, dass Jeany es schaffte, mich sehr schnell wieder komplett für Pferde zu begeistern. Zwar gelingt es mir momentan aus beruflichen und familiären Gründen nur ein bis zweimal in der Woche bei den Vierbeinern, die mir so viel geben, zu sein, den Stall zu machen und zu reiten. Aber diese Auszeiten müssen sein! Jeanys Stallgenossen sind wunderschöne Tersker, von denen ich momentan Nadja reiten darf. Wir sind ein relativ neues Team und gewöhnen uns noch im Dressurviereck und im Gelände aneinander – allerdings mit allerbesten Fortschritten!

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