Problempferde?

Problempferde? Gibt es sie überhaupt? Fakt ist, dass sich zu viele Menschen ohne oder mit zu wenig Erfahrung an junge Pferde heranwagen. Aber gerade die ersten Begegnungen stellen die Weichen für eine vertrauensvolle Ausbildung. Alex, unsere Filialleiterin in Villingen, hat euch zu diesem Thema einiges zu berichten. Sie hörte sich  den Vortrag von Anja Beran zum Thema Problempferde an – und bekam viel zu sehen:

„Indian Summer. Auf meinem Weg zu Anja Beran fahre ich durch eine farbenfrohe Herbstlandschaft. Schönes Wetter und Temperaturen um die 20 Grad machen das Reisen angenehm. Im Hofgut angekommen werde ich freundlich zu einem Kaffee eingeladen. Die Atmosphäre ist entspannt und die Zuhörer warten gespannt auf den nun folgenden Vortrag von Anja Beran.

Alle sind gespannt auf Anja Berans Vortrag zum Thema Problempferde.
Alle sind gespannt auf Anja Berans Vortrag zum Thema Problempferde.

Das Thema: Problempferde

Nun, was macht ein Problempferd aus? Woran erkenne ich Probleme und wie lassen sie sich beseitigen? Mit einem Schmunzeln berichtet Anja Beran über die Reihenfolge wie ihre Seminare gebucht werden

  • Junge Pferde
  • Piaffe
  • Problempferde

Ob da etwas dahinter steckt? Fakt ist, dass sich zu viele Menschen ohne oder mit zu wenig Erfahrung an junge Pferde heranwagen. Aber gerade die ersten Begegnungen stellen die Weichen für eine vertrauensvolle Ausbildung. Ein junges Pferd das drei Jahre unter natürlichen Bedingungen in einer Herde aufwachsen durfte, bietet die beste Grundlage, nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Unter diesen Umständen zeigt das Pferd genügend Respekt, aber auch Neugierde auf das Neue. Untergliedert werden die Probleme, die in der Ausbildung auftreten, in gefährliche und ungefährliche. Hat ein Pferd sich eine Untugend angewöhnt, so kann das schwerwiegende Folgen für den Menschen haben. So wie ein Hengst, der als Flaschenkind aufgezogen wurde und als Fohlen immer auf den Schoß des Menschen springen durfte. Ausgewachsen machte er das auch noch – und beförderte so sieben Personen ins Krankenhaus. Da hier noch die Hengstmanieren mit beißen und treten hinzu kamen, war dieses Pferd nicht mehr zu bändigen. Er konnte anfangs nur mit zwei Personen auf jeder Seite mit einem Bullenstab geführt werden. Interessant war, dass ihm jegliche Mimik fehlte.

Dieser Lusitano sollte aufgrund seiner Probleme eigentlich zum Schlachter. gezielte Gymnastik konnte ihm helfen.
Dieser Lusitano sollte aufgrund seiner Probleme eigentlich zum Schlachter. Gezielte Gymnastik konnte ihm helfen.

Beginnen wir mit den ungefährlichen Problemen. Gut zu erkennen sind sie in der Bewegung unter dem Sattel. An der Fußung und dem Takt, kann der genaue Beobachter sehen, ob das Pferd über den Rücken geht. Tut es dies nicht, treten oft Probleme auf wie

  • Passgang
  • Zackeln
  • schiefes Laufen
  • greifen in die Vorhand
  • schleifen der Zehe

‚Knirscht das Pferd mit den Zähnen, stecken starke Verspannungen durch Stress und unsachgemäße Ausbildung dahinter‘, so Anja Beran. Werden Pferde in der Ausbildung zu tief eingestellt, legen sie sich gern auf die Hand. Anders verhält es sich mit Pferden, die den Hals aufrollen und sich so komplett den Reiterhilfen entziehen. Diese Tiere sind oft am sogenannten falschen Knick zu erkennen und Schäden am Skelett sind vorprogrammiert. Beobachtet ihr ein Pferd unter dem Sattel, sind folgende Alarmzeichen als Problem zu erkennen

  • Klemmen
  • Durchgehen
  • Zähne knirschen
  • Schweif wedeln
  • Schweif schief halten
  • Headshaking
  • Zunge übers Gebiss
  • Zunge raus hängen lassen

Gefährliche Probleme sind nicht zu unterschätzen, da sie für den Menschen ein Risiko darstellen sowie für die Tiere zu einem werden können. Ein Sattel- oder Gurtzwang gehören dazu, da es in einem unkontrollierten Steigen oder Bocken enden kann. Klemmt ein Pferd in der Bewegung, so ist es meist nicht auf Faulheit zurück zu führen, sondern es staut sich meist zu viel Energie an, um sich in einer Explosion zu entladen.

Wirkt vielen Problemen entgegen: sinnvolle Gymnastik.
Wirkt vielen Problemen entgegen: sinnvolle Gymnastik.

Steigt ein Pferd ist der Reiter machtlos. Dazu sollte es nie kommen. Folgende Merkmale sollten früh erkannt und beseitigt werden

– rückwärts gehen

– ein Schritt mehr als gewollt

– Klemmen

– Gurt- oder Sattelzwang

Buckeln sollte sofort unterbunden werden da dies irgendwann in gefährlichem Bocken enden kann. Dies erfolgt am besten mit der Stimme.

Schlägt das Pferd nach der Gerte, ist abzuklären, warum es das macht. Ist das Pferd überfordert oder wurde es geschlagen? Auf keinen Fall sollte ein Pferd in solch einer Situation gelobt werden. Erst, wenn die gewünschte Reaktion erfolgt. Ganz extrem wird es, wenn ein Pferd versucht, den Reiter an der Bande abzustreifen oder sich im Zügel oder der Wade festbeißt. Dies muss auch frühzeitig abgewendet werden. Schmeißt das Pferd sich aber auf den Boden, heißt dies immer absolute Resignation. Dieses Pferd hat aufgegeben und unterwirft sich voll. Es muss uns bewusst sein, dass wir es mit einem Fluchttier zu tun haben. Ein anderes Problem stellt das nicht aufsteigen lassen dar. Hierbei wurde wieder bei der Ausbildung des jungen Pferdes nicht konsequent gearbeitet.

Aber was ist zu tun, wenn das Pferd seinen Reiter nicht mehr absteigen lässt? Hierbei einfach wieder alles auf Null und von vorne beginnen.

Anja Beran arbeitet immer mit drei Personen, um die bestmögliche Sicherheit zu garantieren. Alles erfolgt in Ruhe, das Pferd darf nicht überfordert werden und bei Gelingen der Übung wird das Pferd sofort gelobt.

Es gibt auch bodenscheue Pferde. Diese erschrecken vor allen möglichen Sachen wie z. B. Maulwurfshügel. Dies kann zwar auch genetisch veranlagt sein wie Anja Beran erklärt. Geht ein Pferd aber ohne Grund explosionsartig durch und kann nicht mehr gestoppt werden, ist oft ein hinweisendes Signal übersehen worden. Meist sind es die Pferde, die sich gerne verhalten und dann explodieren. Kleben ist auch ein Problem, welches aber sehr gut mit der Stärkung des Selbstbewusstseins des Pferdes beseitigt werden kann. Stolpert ein Pferd oft, kann das neben anderen Ursachen ein zu starkes in den Boden reiten verursachen.

Zusammengefasst sollten die unten aufgeführten Punkte beachtet werden, um Probleme beim Anreiten gar nicht erst entstehen zu lassen.

  • sachgemäße Grundausbildung
  • nie alleine arbeiten
  • nicht zu schnelles, festes Gurten
  • genügend Ruhe
  • Sorgfalt beim Aufsitzen
  • Reiterhilfen gut vermittelt
  • Keine sich widersprechenden Hilfen
  • korrekt verschnallte Trense
  • Nasenriemen nicht zu fest
  • guter Sitz
  • kein zu schwerer Reiter
  • passender Sattel
  • keine Handfehler
  • kein Stress durch Zeitdruck
  • keine unruhige Atmosphäre
  • Grundprinzip des Vorwärts beachten
  • Peitschen- Schenkelgehorsam beachten
  • keine zu kurzen Zügel
  • kein zu scharfes Gebiss
  • keine Hilfszügel
  • gute Gymnastik
  • nicht über das Tempo reiten

„Grundsätzlich sollte mit der Sanftheit der Hilfe die Neugierde des Pferdes geweckt werden“ Nuno Oliveira

Generell kann man davon ausgehen, dass junge Pferde nach drei Monaten stabil sind.

So, das war die Theorie. Nun folgt die Praxis.

Es begibt sich ein Lusitano in die Halle der eigentlich durch seine Probleme zum Schlachter sollte. In einem Springstall wurde er mit Schlaufzügeln geritten. Seine Balance hatte er verloren, da er mit zu hohem Tempo und zu tiefer Einstellung durch die Halle gejagt wurde.

Dieser Lusitano kann wieder ohne Zügeleinsatz vom Galopp in den Schritt durchpariert werden.
Dieser Lusitano kann wieder ohne Zügeleinsatz vom Galopp in den Schritt durchpariert werden.

Irgendwann stellten sich dann die körperlichen Beschwerden in Form einer Arthrose in den unteren Beingelenken ein. Hinzu kam noch eine Instabilität im Kniegelenk. Er stolperte oft und war im Galopp fast nicht zu bremsen. Durch gezielte Gymnastik läuft dieses Pferd wieder lahmfrei und kann ohne Zügeleinsatz vom Galopp in den Schritt durchpariert werden.

Darauf folgend wird uns ein 13 jähriger Friesenhengst vorgestellt. Sein Verhalten war sehr gefährlich da er zum Steigen und Schlagen neigte.

Dieser Friese war gefährlich. Er neigte zum Schlagen und Beißen.
Dieser Friese war gefährlich. Er neigte zum Schlagen und Beißen.

Am schlimmsten war aber sein unkontrolliertes Durchgehen im Gelände, welches erst am Stall endete. Er war mit nichts zu bremsen und ging auch von der Gruppe aus durch. Bei ihm wurden starke Rückenschmerzen diagnostiziert.

Der Friese ist jetzt auf das Gelernte stolz!
Der Friese ist jetzt auf das Gelernte stolz!

Nun kann er normal gearbeitet werden, ohne durchgehen zu müssen. Er hat gelernt sich beim Geritten werden zu entspannen und auf das Gelernte stolz zu sein.

Ein ganz anderer Kandidat ist Sirius. Zwar wunderschön anzusehen, fällt einem die extrem gerade Kruppe auf.

Ein sehr selbstbewusstes Pferd wie Sirius musste erst einmal davon überzeugt werden, dass man nichts Böses von ihm wollte.
Ein sehr selbstbewusstes Pferd wie Sirius musste erst einmal davon überzeugt werden, dass man nichts Böses von ihm wollte.

Der sehr hoch angesetzte Schweif wurde immer schief getragen. Hinzu kommt seine extreme Schiefe. Sirius kämpfte vorwärts gegen die Hand, ging durch und konnte auch kräftig beißen. Da er ein sehr selbstbewusstes Pferd ist, musste er erst einmal überzeugt werden, dass keiner etwas Böses von ihm wollte. Hinzu kam sein Koppen, welches er durch die jetzt regelmäßige Bewegung abgelegt hat. Trotz sehr guter Gymnastik und vorsichtiger Reitweise sieht man dem Pferd die Bewegungsprobleme heute noch an.

Trotz sehr guter Gymnastik und vorsichtiger Reitweise seht ihr Sirius die Bewegungsprobleme heute noch an.
Trotz sehr guter Gymnastik und vorsichtiger Reitweise seht ihr Sirius die Bewegungsprobleme heute noch an.

So ein Pferd zu reiten, stellt eine sehr große Herausforderung an den Reiter dar. Anja Beran erläutert, man solle sich genau bei solchen Pferden nicht an dem Problem festbeißen, sondern das ein oder andere auch mit Humor nehmen.

Die Quarterstute Jacky ging durch eine Westernausbildung und hatte Glück einen anderen Ausbilder zu finden.

Jacky hatte unheimlich viel Stress. Sie konnte durch den festen Rücken nur im Kreuzgalopp galoppieren.
Jacky hatte unheimlich viel Stress. Sie konnte durch den festen Rücken nur im Kreuzgalopp galoppieren.

Sie wurde mit Schlaufzügeln geritten, im Roundpen ausgebunden umhergescheucht und versuchte sich im Rückwärts zu entziehen. Dieses Pferd hatte unheimlich viel Stress. Sie konnte durch den festen Rücken nur im Kreuzgalopp galoppieren. Durch ruhige, sinnvolle Gymnastik konnte ihr der Spaß an der Arbeit vermittelt werden.

Jacky lernte das Piaffieren von Anja Beran und ist heute zufrieden nach dem Training. Sie hat ihr inneres Gleichgewicht gefunden.
Jacky lernte das Piaffieren von Anja Beran und ist heute zufrieden nach dem Training. Sie hat ihr inneres Gleichgewicht gefunden.

Auch diese Stute lernte das Piaffieren und ist nach dem Reiten zufrieden und kann somit das seelische Gleichgewicht finden.

Zeus hat ganz andere Probleme. Er hat Angst vor der Bande, ist auch sonst ein ängstlicher Typ und geht immer und überall Pass.

Zeus hat Angst vor der Bande und ist auch sonst ein ängstlicher Typ. Er geht immer und überall Pass.
Zeus hat Angst vor der Bande und ist auch sonst ein ängstlicher Typ. Er geht immer und überall Pass.

Durch seinen schwachen Rücken und die Koordinationsprobleme zwischen Vorhand und Hinterhand ging er durch seine extreme Schiefe irgendwann zügellahm. Bei diesem Pferd war es wieder wichtig, die Exterieurprobleme zu erkennen und die psychischen Probleme mit einzubeziehen.

Durch seinen schwachen Rücken und die Koordinationsprobleme zwischen Vorhand und Hinterhand ging Zeus irgendwann zügellahm.
Durch seinen schwachen Rücken und die Koordinationsprobleme zwischen Vorhand und Hinterhand ging Zeus irgendwann zügellahm.

Ich denke, jeder von uns kann das ein oder andere Problem an seinem Pferd wieder erkennen, und genau das sollte uns zum Denken anregen, um weitere Probleme zu verhindern. Wenn ein Pferd klemmt, knirscht oder schlägt, sollten unsere Alarmglocken läuten und nicht der unqualifizierte Satz erfolgen: „Der Bock hat heute keine Lust, also wird er gezwungen“.

Sehr interessant war auch das Gespräch mit Anja Beran am Schluss des Seminars. Sie erzählte mir von einer Thermographieuntersuchung. Wohlwissend um ein paar Arthrosepferde im Stall ließ sie diese thermographieren. Ohne Befund, alles war grün. Aber der Neuzugang, ein Dressurpferd Klasse S wurde auch thermographiert. An ihm waren fast alle Gelenke rot. Meine Empfehlung an alle die ihr Pferd gesund erhalten möchten: Bildet euch fort und hinterfragt Trainingslehren, die zu Abwehrreaktionen des Pferdes führen. Fühlt euch in die Pferde hinein. Wenn sie nicht schweißgebadet und nicht mit knirschenden Zähnen aus der Halle kommen, sondern stolz, locker und freudig mitarbeiten, dann habt ihr beide Spaß an der Arbeit.

Anja Beran sagt: "Macht euch euer Pferd zum Partner!"
Macht euch euer Pferd zum Partner!

Denn:

Der Reiter habe bei der Dressur stets vor Augen,

sich einen Gefährten zu bilden

und soll das edelste Tier der Schöpfung

weder zum Sklaven noch zur Maschine herabwürdigen.

Von Krane 1856

Falls ihr mehr über die Ausbildung von Pferden erfahren wollt, dann besucht doch einfach die Fachtagung mit Anja Beran in München am 23. November 2014.

Macht euch euer Pferd zum Partner.

Eure Alex“

Experten von Loesdau

Die meisten Loesdau Mitarbeiter sind entweder selbst Pferdebesitzer oder Reiter, zumindest aber Pferdeliebhaber. Sie reiten Dressur oder Western, sind Springreiter oder Züchter, Pferdefotograf oder -physiotherapeut, Trainer oder Reitlehrer. Sie sammeln ständig Eindrücke in allen Belangen rund um ihre Vierbeiner und bilden sich auf ihrem Spezialgebiet ständig fort. Außerdem machen die Kolleginnen und Kollegen permanent neue, interessante Erfahrungen, treffen wiederum Spezialisten und wissen in Sachen Pferd definitiv Bescheid. So ist jeder auf seinem Gebiet ein echter Experte und immer up-to-date. Aktuell bedeutendes Wissen erhalten sie in Seminaren, Kursen oder Lehrgängen.
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Die meisten Loesdau Mitarbeiter sind entweder selbst Pferdebesitzer oder Reiter, zumindest aber Pferdeliebhaber. Sie reiten Dressur oder Western, sind Springreiter oder Züchter, Pferdefotograf oder -physiotherapeut, Trainer oder Reitlehrer. Sie sammeln ständig Eindrücke in allen Belangen rund um ihre Vierbeiner und bilden sich auf ihrem Spezialgebiet ständig fort. Außerdem machen die Kolleginnen und Kollegen permanent neue, interessante Erfahrungen, treffen wiederum Spezialisten und wissen in Sachen Pferd definitiv Bescheid. So ist jeder auf seinem Gebiet ein echter Experte und immer up-to-date. Aktuell bedeutendes Wissen erhalten sie in Seminaren, Kursen oder Lehrgängen.

2 Kommentare zu “Problempferde?

  1. […] Pferd und Reiter und daraus unschöne Bilder entstehen.” So werde ein Pferd schnell zum Problempferd. Anja Beran richtet sich an Reiter aller Sparten und an deren Pferde, egal welchen Alters, […]

  2. Wenn man weiß, wie ein Problem entstanden ist, ist es einfacher, es auch selbst wieder zu lösen.

    Im Jahr 2004 kam die damals 8 Jahre alte Holsteiner-Stute L-Primavera zu mir, als meine Pony-Stute Smartie White Chiwa an Hufrehe zu sterben drohte. Sie sollte nur als Beistellpferd unserem damaligen Knabstrupper Reno (war nie ein Problempferd) Gesellschaft leisten, falls seine kleine Freundin den Hufreheschub nicht überleben würde.

    Nun sie überlebte, Reno kam in die Reitschule einer meiner Töchter und heute leben bei mir und meinem 2. Mann nur noch Smartie White Chiwa und L-Primavera.

    L-Primavera oder kurz Prima wäre damals fast geschlachtet wurde, als ich wegen meiner auch kurz Chiwa ihre Züchterin, die uns vorher schon 2 Pferde verkauft hatte, nach einem Beistellpferd fragte. Ihr Mann hatte gerade den Schlachter angerufen, nachdem Prima zum 4. Mal als nicht zuzureiten zurück gebracht worden war. Sie war senkrecht gestiegen und mit ihrer Reiterin drauf auf dem Rücken aufgeschlagen, die Frau schwer verletzt.
    Ich reite selbst nur, wenn eine meiner Töchter dabei ist und nur auf einem ruhigen Kaltblut-Mix. Ich war schon recht alt und nie sportlich, als meine Töchter begannen, eigene Pferde haben zu wollen.
    Ich liebe Pferde, aber der Umgang am Boden mit ihnen reicht mir zu meinem Glück eigentlich aus, auch wenn ein Schrittausritt mit einem komplett sicheren Pferd mir schon ab und zu viel Spaß gemacht hat oder einige Runden Trab auf dem sicheren Reitplatz.
    Prima hatte panische Angst, als sie zu mir kam. Ich konnte sie wochenlang nicht einmal anfassen. Ich begann mit vorsichtigem Striegeln auf der Weide, zuerst nur am Bauch, Beine und vor allen Dingen die Stirn, das dauerte Monate, bis sie sich dort auch nur berühren ließ. Nach ca. 2 Monaten ließ sie sich ein Halfter anziehen. Wir begannen, im Round Pen zu arbeiten oder meinem Weideland Spaziergänge zu machen. Draußen nie. Das lag aber an mir.
    Nach meiner Ehescheidung 3 Jahre später brachte mein 2. Mann Prima bei, Hufe zu geben, so dass endlich ein Schmied diese auch ordentlich bearbeiten konnte und wir begannen mit den ersten gemeinsamen Spaziergängen zusammen mit Chiwa. Prima lief meinem 2. Mann, der früher auf Langeoog, der Pferdeinsel gelebt hat, bald nach wie ein Hund, auch ohne Führstrick. Sie ließ sich satteln, ihn auch aufsteigen, im Schritt auch mal ein Stück reiten, aber wirklich reiten .. nein das hat auch mein Mann nicht mehr geschafft und meine Tochter sagte mir: „Mama, wenn Du diesen Mann liebst, dann hindere ihn daran, dieses Pferd zu reiten, er ist zu alt dazu, sie wird ihn sonst umbringen.“ Sie hat es nämlich auch versucht und nicht geschafft, was auch immer Prima erlebt haben mag, als sie zugeritten wurde. Es fällt ihr plötzlich ein und dann reagiert sie unberechenbar, buckelt, steigt, schlägt aus, und das mit unglaublich viel Schwung. Da bleibt auch ein guter Reiter nicht oben und schon gar nicht mein Mann, der auf die 60 los geht und über 30 Jahre nicht mehr auf einem Pferd gesessen hatte, als wir uns kennenlernten.

    Wir haben eben jetzt ein wunderschönes Pferd, das weltberühmte Verwandte hat, sicherlich super springen oder Dressur gehen könnte, aber mit uns nur Bodenarbeit macht und mit ihrer Rehefreundin einfach bei uns alten Leuten ihr Leben genießt. Einen teuren Trainer können wir zwei alte Leute uns nicht leisten. Im Juni wird Prima nun auch schon 19 und wird auch zu alt, um sie noch zuzureiten.

    Ein anderes Problem aber ließ sich lösen, weil ich es kannte. Und das war der Sattelzwang von unserer Chiwa, den sie anfänglich nicht hatte.
    Sie entwickelte den, als meine Älteste ihren heutigen Mann gerade kennengelernt hatte, Hobby Gewichtheben, zu viel Kraft einfach. Ich räumte im Garten den Kaffeetisch ab, als ich sah, dass er für meine Tochter Chiwa schon satteln wollte und sie sich panisch am Anbinder los riss. Ich lief hin und sah, er hatte den Sattelgurt um 2 Loch zu eng gemacht. Er wird dabei Chiwa fast die Rippen gebrochen haben.
    Danach begann der Sattelzwang, der sich auch sehr gut festsetzte, denn wenig später erkrankte sie an Hufrehe. es dauerte 8 Jahre mit mehreren Nachschüben, Hufgeschwüren und so weiter, bis es möglich war, sie wieder zu reiten.
    Durch die Scheidung hatte ich so gut wie alles verloren, aber die Pferde waren noch da. Chiwa hatte auch keinen Sattel, als mein 2. Mann sie das erste Mal ritt. Das klappte ohne Sattel super. Später bekamen wir einen gebrauchten Bareback-Sattel und klar war der Sattelzwang wieder da.
    Wir gingen das vorsichtig an … ich kaufte auch ein Übungspad mit Klettverschlüssen, das wir ihr zunächst immer nach dem Striegeln vorsichtig und locker um den Bauch hefteten. Dann haben wir begonnen, den Sattel zunächst nur aufzulegen, später leicht anzuziehen, vorsichtig fester, bis mein Mann halt aufsteigen konnte.

    Es geht heute mit ihrem Sattelzwang, es ist so gut wie weg, mit Geduld.

    Aber da wusste ich auch genau, warum sie damit angefangen hatte, also dass sie Angst hatte, es zieht wieder einer den Sattelgurt zu fest zu.

    Was unserer Prima beim Versuch sie zuzureiten getan wurde, niemand weiß das, auch nicht ihre Züchterin.

    Ganz allgemein ist Prima ein sehr ängstliches Pferd, dabei allerdings wiederum ranghoch. Sie beobachtet alles und passt wie eine Mutter auf die ganze Herde auf. Dennoch denke ich, das ist nicht der einzige Grund, warum sie niemand hat zureiten können.

    Dass sie sich anfangs von mir nicht einmal anfassen ließ, deutet darauf hin, dass man ihr Schlimmes angetan haben muss, denn sie hatte ja regelrecht Angst vor Menschen. Das zumindest haben wir komplett weg bekommen.

    LG
    Renate

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