Hippotherapie: Reiten mit Handicap

Zu den Europameisterschaften der Dressur-, Spring- und Para-Dressur-Reiter schauten alle Reitsportbegeisterten nach Rotterdam. Neben den klassischen Disziplinen, wie Springen und Dressur, wurde hier auch die Para-Dressur ausgerichtet. Janina aus dem Loesdau Marketing Team hat dazu eine besondere Beziehung. „Meine Freundin Julia Schleehauf sitzt seit einem Autounfall im Rollstuhl. Deswegen möchte ich euch Einblicke in ihre Geschichte geben und die Hippotherapie und den Parasport in den Fokus rücken.“

Julia gibt euch Einblicke in Hippotherapie und Parasport.

Kannst du uns kurz etwas zu dir erzählen?

Ich heiße Julia Schleehauf, bin 26 Jahre alt und habe 2018 meinen Bachelor of Science Equine Management abgeschlossen. Seit einem Autounfall im Juli 2013 bin ich  ab dem siebten Halswirbel (C7) querschnittgelähmt. Anfangs hatte ich keine Funktion unterhalb des Halses. Inzwischen habe ich wieder gut bewegliche und starke Arme und eine eingeschränkte Bewegungsfähigkeit der Rücken und oberen Bauchmuskeln.

Wie sieht dein Stallalltag aus?

Zu meinem Stallalltag kann ich sagen, dass ich seit meinem Unfall im HPZ Hippo- und Physiotherapiezentrum Scharnhausen reite. Dort gehe ich wöchentlich zur Physiotherapie und habe zusätzlich mit der Hippotherapie angefangen. Inzwischen kann ich wieder selbstständig auf einem der Therapiepferde reiten und gehöre jetzt zum Parasportteam.

Das Team rund um Julia: Ihr Therapiepferd, ihre Physiotherapeutin, die auch gleichzeitig Paratrainerin und Hippotherapeutin ist.

Meine Physiotherapeutin, die gleichzeitig meine Hippotherapeutin und Paratrainerin ist, unterrichtet mich. Da es schwierig ist, normale Stallarbeiten in den Therapiebetrieb einzubauen, ist mein Pferd schon geputzt, gesattelt und gezäumt und warmgelaufen, wenn ich zur Therapie bzw. ins Training komme. Auch im Anschluss ans Training ist es schwierig eine Stallroutine einzubauen, da das Pferd häufig von einem anderen Patienten übernommen wird. Außerdem müsste ich um einiges kräftiger und stabiler im Oberkörper werden, um mein Pferd selbstständig vor- und nachzubereiten. Um auf das Pferd zu kommen, haben wir am HPZ eine Rampe, an der alle Therapiepferde perfekt stehen bis der jeweilige Therapeut, seinen Patienten auf das Pferd gesetzt hat.

Über eine Rampe kommt Julia aufs Pferd.

Das Reiten aufzugeben war nie ein Thema?

Mit acht Jahren begann mein Reiterdasein wie bei den meisten als Reitschülerin in einem Reitverein. Drei Jahre kümmerte ich mich um mein Pflegepony und ritt im Reitverein. Die Wirkung, die Pferde auf Menschen haben können, hat mich schon immer fasziniert. In der Schule setzte ich mich deswegen in einer Hausarbeit mit der Hippotherapie schon intensiv auseinander, noch bevor ich durch meinen Unfall selbst ein Handicap hatte. Nach meinem Unfall habe ich mit der Hippotherapie angefangen und saß zu Beginn mit meiner Therapeutin auf dem Pferd, weil ich keine Muskeln und kein Gleichgewichtssinn mehr hatte. Inzwischen reite ich als Parareiterin wieder alleine.

Inzwischen reitet Julia als Parareiterin wieder alleine.

Was bedeutet es dir, mit den Pferden zu arbeiten?

Ganz ehrlich? Unendlich viel! Zwei Wochen nach meinem Unfall, fragte ich meinen Arzt, wann ich wieder reiten dürfte. Als ich nach 6 Monaten das „GO“ bekam, konnte ich nicht aufhören zu grinsen. Ich habe das Gefühl, die Pferde heilen meine Seele. Am Anfang wollte ich zur Hippotherapie, weil ich einfach zurück ans Pferd wollte und sie schon immer ein Teil meines Lebens waren. Ich dachte, dass es mir vor allem psychisch helfen würde, ich habe aber sehr schnell festgestellt, dass mich die Therapie bzw. das Reiten körperlich extrem weiterbringt. Und jetzt ist es neben Rollstuhl fahren, Reha-Einheiten und Physiotherapie, der Sport, der mit dem meisten Spaß verbunden ist.

Julia hat schnell festgestellt, dass die Therapie bzw. das Reiten sie körperlich extrem weiterbringt.

Wie beschreibst du das Gefühl im Sattel?

Wie schon gesagt, zu Beginn konnte ich mich ohne Therapeuten nicht alleine auf dem Pferd halten, das war schon ein merkwürdiges Gefühl, etwas so Vertrautes plötzlich nicht mehr zu können. Aber dennoch war es unglaublich, wieder diese „Bewegungsfreiheit“, wieder diese andere Art von Bewegung zu fühlen.

Nahezu alles verändert sich, wenn man plötzlich gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber das Gefühl auf einem Pferd zu sitzen, hat sich nicht verändert. Natürlich achte ich heute ganz anders auf das Pferd, das ich gerade reite. Das Pferd und ich, sind wesentlich sensibler füreinander geworden. So empfinde ich es. Und es ist um einiges schwieriger, dem Pferd zu vermitteln, was ich gerade von ihm möchte.

Wie kommunizierst du mit dem Pferd – welche Hilfen oder Hilfsmittel verwendest du?

In der Grundausbildung lernen Pferde auf Schenkel-, Gewichts- und Zügelhilfen zu reagieren. Diese Hilfen kann ich nicht mehr präzise einsetzen. In meinem Fall, muss ich mich darauf verlassen das mein Pferd auf meine Stimme reagiert. Meine Zügel sollen nicht nur eine Verbindung herstellen, sondern ich zeige meinem Pferd damit in welche Richtung es gehen soll. Da ich keine treibende Hilfe geben kann, verwende ich dazu eine Gerte. Eigentlich wäre es sinnvoll zwei Gerten zu benutzen, die sozusagen meine Beine ersetzen, da meine Hände aber nicht besonders stark sind, ist das bisher ein Plan in weiter Ferne. Damit ich einen guten Sitz habe, reite ich mit einem Spezialsattel, der so aufgebaut wurde, dass ich statt eines Maria-Hilf-Riemens, einen festen Griff habe.

Am Therapiesattel befindet sich ein fester Griff an der Stelle des Maria-Hilf-Riemens.

Außerdem hat dieser Sattel spezielle Pauschen. Vor dem Bein sind es größere, daneben habe ich welche hinter meinem Bein zum Festkletten. So bekommt mein Bein eine perfekte Führung und bleibt an Ort und Stelle. Meine Steigbügelriemen werden mit Riemen an den Gurtstrupfen festgemacht, aber am Steigbügel befindet sich ein „Swiss Clip“ System damit ich im Notfall nicht am Pferd festgemacht bin und sich bei einem Sturz alles löst.

Außerdem hat der Therapiesattel spezielle Pauschen. Vor dem Bein sind es größere, daneben welche hinter dem Bein zum Festkletten.

Kannst du die Besonderheiten eines Therapie- und Parapferdes beschreiben?

Ruhig und gelassen, aber nicht abgestumpft, konzentriert und fein an den Hilfen. Es muss die anderen Hilfen des Parareiters akzeptieren und gut auf Stimme reagieren. Eine der wichtigsten Eigenschaften ist das ständige Kommunizieren mit dem Reiter, sodass er sich nie allein gelassen fühlt. Eine ordentliche Grundausbildung sowie das regelmäßige Korrektur geritten werden, die Ausgleichsarbeit sind für das Pferd besonders wichtig. Nur ein Pferd mit einem Ausbildungsstand, der höher ist als meiner, kann mit mir ins Viereck gehen. Die Ausbildung und Förderung der Durchlässigkeit muss von einem guten Reiter erarbeitet werden.

Wie verläuft die Ausbildung fürs Pferd?

Im Idealfall wird das Pferd vom Trainer des Parareiters ausgebildet. So kann bei der Ausbildung schon auf die individuellen Schwächen des gehandicapten Reiters eingegangen werden. Das Pferd sollte erst zwischen sechs und sieben in den Parasport gehen, damit eine gesicherte, gute Grundausbildung gewährleistet ist und das Pferd genug Zeit bekommt sich in seiner Ausbildung zu festigen. Sodass es sich auf die zusätzliche Aufgabe – auf einen Parareiter achtgeben – konzentrieren kann. Die Arbeit an der Doppellonge bereitet das Pferd auf die Hilfengebung während der Hippotherapie vor. Hier wird das Pferd auf die Arbeit als Therapie- bzw. Parapferd sensibilisiert.  Zudem müssen neue Hilfsmittel getestet werden, bevor der Parareiter sie nutzt.

Die Arbeit an der Doppellonge bereitet das Pferd auf die Hilfengebung während der Hippotherapie vor.

Welche Chancen bringt die Hippotherapie für Reiter mit Handicap?

Der psychische Faktor ist elementar, egal bei welchem Handicap. Schon allein das Gefühl, auf einer anderen Ebene zu sitzen. Von oben auf alle anderen herab zu schauen, als sonst im Rollstuhl zu allen hoch zu schauen. Von vier Beinen getragen zu werden, anstatt im Rollstuhl geschoben zu werden bzw. zu fahren. Die Gangart des Pferdes in der Therapie ist fast ausschließlich der Schritt. Die Schrittbewegung des Pferdes ist eine schwunglose Gangart im Viertakt. Die Bewegungsimpulse des Pferdes bewirken ein gangtypisches Rumpftraining beim Menschen, welches durch ein extremes Rumpf-Balance-Training inklusive der Fortbewegung auf dem Pferderücken den Bewegungsablauf des Gehens im Rumpf stimuliert. Es findet also eine Stabilisierung von allen Muskeln statt, die zu einem stabilen Rumpf beitragen. Hippotherapie ist Muskeltraining, Durchbewegen auf physiologischer Ebene, beweglich halten der Gelenke, Tonusregulierung und Minderung des Schmerzempfindens in einem. Ich kann nur sagen, dass es guttut und effektiv ist. Und würde es jederzeit weiterempfehlen.

Hippotherapie ist Muskeltraining, Durchbewegen auf physiologischer Ebene, beweglich halten der Gelenke, Tonusregulierung und Minderung des Schmerzempfindens in einem.

Von der Hippotherapie in den Parasport – wo soll dein Weg hingehen?

Das ich mit meinem Therapiepferd, noch weiter in Richtung normaler Reitunterricht komme, noch mehr Sicherheit im Sattel und, dass ich mich zu 100 % auf das Pferd verlassen kann. Ich möchte meinem Pferd wirklich vermitteln können, was ich von ihm möchte und alle Hilfen verbessern. Momentan bin ich immer noch in der Findungs- und Ausprobierphase, welche Hilfsmittel ich wirklich brauche. Mein Ziel ist auf jeden Fall, mich Graden zu lassen. Mich also durch die Handicap-Beurteilung in den Behindertenreitsport einstufen zu lassen und anschließend bei einem Turnier zu starten. Natürlich auch ein Ziel, wäre irgendwann ein eigenes Pferd zu besitzen und dann eine noch bessere Bindung und Kommunikation zu schaffen, da sich dann mein Pferd ausschließlich auf mich als gehandicapten Reiter einstellt. Ideal natürlich in Verbindung mit dem Korrekturreiten meiner Trainerin und Hilfestellung bei allen täglichen arbeiten und ausgleichender Arbeit für das Pferd.

Janina

Über Janina

Das Pferdefieber packte mich bereits als Kind und hat mich bis heute nicht losgelassen. 2009 startete ich auf den ersten Dressurturnieren und vor sechs Jahren zog das langersehnte erste eigene Pferd ein. Der damals dreijährige Wallach Flash Dancer alias Fritzi stellte mich vor einige Herausforderungen. Aber durch die unterschiedlichen Aufgaben, die die Ausbildung eines jungen Pferdes mit sich bringt, sind wir inzwischen zu einem super Team zusammengewachsen. Wir genießen neben der Arbeit im Viereck, das großzügige Ausreitgelände und machen auch mal den ein oder anderen Sprung.

1 Kommentare zu “Hippotherapie: Reiten mit Handicap

  1. Anne Kammeier

    Pferde sind so toll! Ich hatte einen Reitunfall, danach war ich ein halbes Jahr im Wachkoma. Ich durfte zu Weihnachten zum ersten mal nach Haus, mein Reitlehrer holte jedes Pferd aus seiner Box…das Letzte streichelte ich…ich bin auch mit Hippo angefangen, mittlerweile ist der Unfall 15 Jahre her und ich bin dieses Jahr das erste Mal auf den Turnieren in den Galoppklassen gestartet. Ich reite Western. Neben meinem Zippo(19j.) gibt es den Cowboy (5j.) als Nachwuchspferd. Ich leide unter Ataxie und Aphasie. Es dauert alles, aber ich bin mir sicher, du wirst mit den Pferden noch einiges erreichen können.

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