Distanzreiten: „alle Reiter, alle Pferde“

Alle Reiter, alle Pferde: Fast alle Distanzreiter sind Freizeitreiter. Natürlich gibt es auch  Semi-Profis, die internationale Ritte weltweit bestreiten. Aber der Großteil besteht aus Freizeitreitern, die einfach Spaß haben wollen und eben sehr pferdeverbunden sind. André Schaudt veranstaltet zusammen mit seiner Frau, Christel Füß, dieses Jahr zum 6. Mal in Bitz, die Kitzesbergdistanz. Wir hatten die Gelegenheit, André genauestens über das Distanzreiten, das in letzter Zeit immer beliebter wird, zu befragen.

Du veranstaltest am 9. September 2017 die Kitzesbergdistanz in Bitz. Was ist das für ein Distanzritt?

Die Kitzesbergdistanz, die ich zusammen mit meiner Frau, Christel Füß, dieses Jahr zum 6. Mal veranstalte, ist ein CEN, also nationaler Ritt, nach Reglement des Vereins Deutscher Distanzreiter und -Fahrer e.V. (VDD). Der VDD ist Anschlussverband der FN und dessen Reglement Bestandteil der LPO. Vom Ambiente her, gibt es viele unterschiedliche Distanzritte in Deutschland: vom ursprünglichen Naturfeeling mit Camp ums Lagerfeuer bis zu hochklassigen CEI´s, also internationale Ritte.

Distanzreiter halten sich die hand
Die Nähe zum Trainingspartner Pferd und die gute Kameradschaft unter den Distanzreitern macht einen Teil der Faszination an dieser Diszplin aus. Foto: Anja Reimann

Meine Frau und ich wollen einen Nationalen Distanzritt auf hohem Niveau, was den Reiter- und Pferdekomfort betrifft, veranstalten. Zugute kommt uns dabei, dass wir Grischa Ludwigs und Sylvia Mailes Gestütsanlage LQH zur Verfügung gestellt bekommen und so über eine nahezu perfekte Infrastruktur verfügen.

Was macht die Faszination für dich an dieser Disziplin aus?

Distanzreiten ist die älteste Pferdesportdisziplin. Bereits 4.000 v. Chr. wurden Pferde domestiziert, damit Menschen auf ihren Rücken große Entfernungen zurücklegen konnten. Das Distanzreiten kommt der Natur des Pferdes (Equiden) als Steppen- bzw. Flucht- und Lauftier am nächsten. Die Kenntnisse über Leistungsphysiologie, Trainingslehre und Fütterung sind für mich stets eine Herausforderung, da man hier immer etwas lernen kann. Als Distanzreiter verbringt man in der Regel sehr viele Stunden mehr mit seinem Sportpartner Pferd als in den klassischen Disziplinen. Jeder muss das Pferd als seinen Sportpartner in einer Ausdauerdisziplin auch ganz genau kennenlernen. Bei allem Ehrgeiz sollte man niemals das Wohl des Pferdes aus den Augen verlieren. Was mich auch begeistert, ist nicht zuletzt die unter Distanzreitern herrschende Kameradschaft.

Wie trainiert ein Distanzreiter?

Es ist schwer, über das Training eines Distanzpferdes etwas in wenigen Worten zu sagen. Da jedes Pferd als Individuum zu betrachten ist, muss auch das Training ganz individuell gestaltet beziehungsweise angepasst sein. Allgemein gilt, dass das Distanztraining immer ein Langzeitprojekt ist. Metabolisch, also Herz, Kreislauf, Lunge und auch Muskeln können bei einem Pferd recht schnell trainiert werden. Knochen, Sehnen und Bänder brauchen dagegen sehr lange, um entsprechend gestärkt zu werden.

Distanzreiter im Galopp
Trainiert wird beim Distanzreiten auf Ausdauer, nicht auf Geschwindigkeit. Daher gilt Distanztraining als Langzeitprojekt. Für Distanzreiter ist die Pulserholzeit ein wichtiger Indikator. Foto: Anja Reimann

Für den metabolischen Trainingszustand ist für Distanzreiter die Pulserholzeit ein wichtiger Indikator. Es ist falsch zu glauben, dass Distanzreiter ständig wie wild durch die Gegend rasen. Vergleicht man das Distanzreiten mit einem Marathon, wird klar, dass ein submaximales Training mit entsprechenden Trainingsreizen den größten  Erfolg bringt. Im Klartext: 60 % sollten Schrittarbeit sein, dann kommt LSD, Long Slow Distance, also langes, ausdauerndes Reiten im Trab, je nach Pferd auch leichter, lockerer Galopp auch Canter genannt. Niemals sollte Dauer und Geschwindigkeit gleichzeitig gesteigert werden. Ein Distanzpferd sollte darauf trainiert sein, im aeroben Bereich Ausdauerleistung zu bringen. Lediglich 10 % sollte Spezialtraining wie zum Beispiel extensives und intensives Intervalltraining ausmachen.

Natürlich sollte das Pferd vom Kopf her auch einen ausgeprägten Laufwillen und Spaß an der ganzen Sache haben, sonst klappt es nicht. Aber auch ein Distanzpferd sollte ordentlich geritten sein, dass es seinen Reiter schadlos über weite Strecken tragen kann. Regelmäßiges, dressurmäßiges Reiten gehört daher zur Ausbildung eines Distanzpferdes, wobei die Ausbildungsskala genauso gilt, wie bei anderen Disziplinen.

Warum hast du dich für das Distanzreiten entschieden?

Bis zum Jahr 2000 wusste ich nicht einmal, dass es Distanzreiten gibt. Ich habe dann eine 5-jährige Tersker Stute angeritten und angefangen auszubilden. Ein ganz großartiges Pferd, aber auf Dressur im Viereck hatte sie gar keine Lust und um ehrlich zu sein, ich auch nicht viel. Sie ist sehr gerne gesprungen, aber niemals über 80 cm. Emotional war mir dieses Pferd jedoch so nah, dass ich für uns etwas suchte, das noch etwas mehr Reiz bot als das normale Ausreiten. Das war die Zeit, in der ich zum ersten Mal vom Distanzreiten hörte. Nach einem Einsteigerseminar und den ersten Distanzritten war ich dann mit dem Distanzvirus infiziert.

Distanzreiter am waldrand
Wer vom Distanzvirus infiziert wurde, kennt den „Willen zur Weite.“ Foto: Anja Reimann

Leider bin ich aus gesundheitlichen Gründen mittlerweile nicht mehr als Reiter aktiv, dem Sport bin ich aber immer noch sehr eng verbunden. Ich war 8,5 Jahre der Regionalbeauftragte des VDD für Baden-Württemberg. Als FEI Richter bin ich immer noch aktiv und bin zusammen mit meiner Frau Besitzer einer jungen, vielversprechenden Shagya Stute, die wir zusammen mit unserer Nichte Lisa Füß trainieren.

Wie ist diese Disziplin entstanden?

Bereits 1892 gab es den 1. „Distanzritt“ als Wettkampf zwischen der österreichischen und der deutschen Kavallerie von Wien nach Berlin. 570 km in 71,26 Stunden. Man kann sich vorstellen, dass damals das Wohl der Pferde nicht gerade im Vordergrund stand. 1955 wurde dann in den USA erstmals der Tevis Cup veranstaltet, der noch heute jährlich durchgeführt wird. Er zählt immer noch zu einem der schwierigsten, aber zugleich auch reizvollsten Distanzritte. 1969 wurde dann der 1. Distanzritt in Deutschland veranstaltet. Die 50 km von Ankum. Veranstalter war Wolf Kröber, der Gründer der Equitana. 1973 fand dann der 1. Distanzritt 100 km in Deutschland statt, ein Jahr später der erste 100 Meiler (160 km) in Deutschland, die Heidedistanz, die es auch heute noch gibt und von Hannover nach Hamburg führt. 1976 gründete sich dann der Verein Deutscher Distanzreiter und -Fahrer e.V. in erster Linie, um durch ein Reglement den Tierschutz zu gewährleisten und einen sportlich fairen, vergleichbaren Wettkampf zu ermöglichen. Heute finden in Deutschland von März bis Oktober ca. 500 verschiedene Wettbewerbe auf ca. 130 Veranstaltungen mit rund 5.000 Starts statt.

Warum wird Distanzreiten immer beliebter?

Ich denke, der Slogan der Distanzreiter „angekommen ist gewonnen“ sowie der Grundsatz des VDD „alle Reiter, alle Pferde“ gefällt vielen naturverbundenen Reitern. Distanzreiten ist sehr facettenreich. Es gibt Reiter, die fast jedes Wochenende auf einem Distanzritt und am Ende des Jahres zurecht stolz sind, wenn sie mit ihrem Sportpartner 1.200 km in der Wertung zurückgelegt haben. Das Gewinnen eines Distanzrittes steht bei vielen gar nicht im Vordergrund. Manche sehen es als Naturerlebnis mit Gleichgesinnten Reitern den „Willen zur Weite“ auszuleben und wieder andere sehen es als sportlichen Wettkampf, gehen weniger Ritte, aber wollen gewinnen. All diese verschiedenen Motivationen können beim Distanzreiten befriedigt werden. Dazu kommt natürlich auch, dass die teilnehmenden Pferde nicht als Turnierpferde eingetragen sein müssen und eine Zugangsqualifikation für Reiter erst bei Ritten ab 61 km erforderlich ist (ab 1. Jan. 2018) und diese entweder über Abzeichen oder Ritte in kürzeren Rittkategorien erreicht werden kann.

 

Was ist deiner Meinung nach der Reiz an dieser Disziplin?

trinkende Distanzreiter
Der Reiz am Distanzreiten besteht aus dem „Willen zur Weite“, dem Spaß an Ausdauerleistung und dem geforderten Know-how in Bezug auf Horsemanship sowie der engen Verbindung zum Pferd. Foto: André Schaudt

Welche Fähigkeiten werden beim Distanzreiten besonders trainiert? Was lernen Pferd und Reiter dabei?

Zunächst sollte man natürlich Reiten können und sein Pferd in jeder Situation im Gelände beherrschen. Am wichtigsten erscheint mir aber, dass der Reiter lernt, sein Pferd richtig auf Ausdauerleistung zu trainieren. Ziel sollte dabei sein, sein Pferd viele Jahre gesund über viele Kilometer zu reiten. Wichtig ist auch die Fähigkeit, sich und sein Pferd richtig einzuschätzen und Grenzen erkennen können. Manchmal ist es eben nicht der Tag seines Pferdes und man muss auch mal aufhören bzw. zurückziehen können. Einfach gesagt: Der Reiter sollte ein großes Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinem Pferd haben. Selbstverständlich ist auch sportliche Fairness gegenüber anderen Teilnehmern gefordert, zumal Distanzreiten draußen in der Natur stattfindet.

Die Pferde haben, je mehr Kondition sie bekommen, richtig Spaß am Laufen und dürfen einfach Pferd sein. Meine Tersker Stute, die mittlerweile in Rente ist und mit mir immer noch sehr gerne lange Ausritte macht, ist heute noch richtig beleidigt, wenn die junge Stute auf Distanzritte geht.

Ist Distanzreiten auch für Freizeitreiter geeignet?

Wie zuvor schon erwähnt: „Alle Reiter, alle Pferde.“ Fast alle Distanzreiter sind Freizeitreiter. Natürlich gibt es auch die Semi-Profis, die auch internationale Ritte weltweit bestreiten aber der Großteil sind Freizeitreiter, die einfach Spaß haben wollen und eben sehr pferdeverbunden sind.

Was sollten Pferd und Reiter „mitbringen“? Welche besonderen körperlichen Fähigkeiten sind gefordert?

Die Pferde sollten in erster Linie gesund sein und ein Exterieur haben, das nicht gerade am Laufen weiter Strecken hindert, also gesunde Beine und einen gesunden Rücken. Reiter sollten natürlich konditionell fit sein und vor allem auch korrekt sitzen können, um dem Pferd keinen Schaden zuzufügen. Der Rest ist bei Reitern und Pferden Kopfsache.

Grundsätzlich meine ich, dass jedes gesunde Pferd, egal welcher Rasse, das regelmäßig geritten wird 30 km laufen kann. Die Höchstzeiten, also die Maximalzeiten die man für eine Strecke brauchen darf, sind sehr großzügig.

Welche Tipps kannst Du Anfängern bzw. Einsteigern mit auf den Weg geben?

Um in das Distanzreiten „reinzuschnuppern,“ kann ich nur empfehlen, einmal zu einem Distanzritt als Zuschauer zu gehen, mit den Leuten zu reden und am besten bei einem Team zum Trossen mitzufahren. Wenn man die Veranstalter fragt, findet sich meist ein Distanzteam, das einen „Neuling“ ein bisschen an die Hand nimmt. Sehr gerne auch bei der Kitzesbergdistanz.

Wasser für die Distanzpferde
Beim Trossen bekommen Neugierige interessante Einblicke in die Disziplin.

Vor dem ersten eigenen Start empfiehlt sich auf jeden Fall ein Einsteigerseminar. Diese finden meist im frühen Frühjahr statt, dass man die nötigen Infos an die Hand bekommt, um sich und sein Pferd vorzubereiten. Termine findet man auf der Homepage des VDD (www.vdd-aktuell.de, auf www.distanzreiten.com oder auch in Facebook.

Ende Februar / Anfang März veranstalte ich selbst seit vielen Jahren in Bitz eintägige Theorieseminare (www.endurance-bitz.de).

Wenn ich bei einem Distanzritt dabei sein möchte: Welche Distanzen gibt es?

Distanzritte sind in Klassen bzw. Kategorien eingeteilt. Die kürzeste Strecke, die als Distanzritt gilt, ist 25 km lang. Demnach gibt es:

Eintagesritte: Einführungsritte EFR 25-40 km

Kurze Distanzritte KDR 41-60 km

Mittlere Distanzritte MDR 61-80 km

Lange Distanzritte LDR 81-160 km

Distanzfahrten analog. Hinzu kommen Mehrtagesritte, die sich auch großer Beliebtheit erfreuen.

 

 

 

 

Christine

Christine

Meine Leidenschaften Schreiben und Pferde bekomme ich bei Loesdau perfekt unter einen Hut. Seit November 2011 sind Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne und externe Kommunikation sowie die Sozialen Medien meine beruflichen „Spielfelder“.
Christine

Letzte Artikel von Christine (Alle anzeigen)

Über Christine

Erfahrung/Motivation: Nach einer sehr langen Reitpause begann ich im April 2012 wieder zu reiten. Eine schöne Schwarzwälder Fuchs Stute namens Jeany freute sich genauso wie ich über unsere langen und erholsamen Ausritte durch den Wald. Das Besondere an unserer Verbindung ist und bleibt, dass Jeany es schaffte, mich sehr schnell wieder komplett für Pferde zu begeistern. Zwar gelingt es mir momentan aus beruflichen und familiären Gründen nur ein bis zweimal in der Woche bei den Vierbeinern, die mir so viel geben, zu sein, den Stall zu machen und zu reiten. Aber diese Auszeiten müssen sein!
Jeanys Stallgenossen sind wunderschöne Tersker, von denen ich momentan Nadja reiten darf. Wir sind ein relativ neues Team und gewöhnen uns noch im Dressurviereck und im Gelände aneinander – allerdings mit allerbesten Fortschritten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.