Neuanfang mit dem Hackamore

Als Einstieg ins Thema Hackamore möchte ich dir die berührende Geschichte von Reitponywallach Highly aus meinem Stall erzählen. Egal wann und egal wer zu Highly in die Box kam, immer begann er vor Angst zu zittern. Bei Fliegenspray bekommt er heute noch Panik. Der kleine Mann zeigte deutlich, was er von Menschen hielt: Sie waren für ihn eine Gefahr und das Vertrauen in Gebisse sowie der Spaß am Arbeiten waren bei ihm  verloren. Highlys Verhalten führte seine Besitzerin auf seine Vergangenheit bei seinen Vorbesitzern als Sportpony in England zurück. „Er muss dort schlimme Dinge erlebt haben“, nimmt Ute, Highlys heutige Besitzerin an. „Sein Verhalten anfangs brach mir das Herz.“ Deswegen entschied sie sich bei ihm für einen Neuanfang. Viel Bodenarbeit, Spaziergänge und gebissloses Reiten sind das komplette Gegenteil zu dem Leben, das er bisher kannte. Aber genau das sollte ihrem Highly helfen, wieder Vertrauen in einen Menschen zu bekommen.

Mit der Unterstützung von Reitlehrern, die sich sehr gut mit dem Bosal auskennen, eigneten sie und ihr Highly sich das gebisslose Reiten an. „Inzwischen reite ich seit über zehn Jahren mit dem altkalifornischen Hackamore und wüsste nicht wann ich das letzte Mal ein Pferd mit Gebiss aufgezäumt habe.“ Und wie hat sich der neue liebevolle Umgang und das andersartige Training auf Highly ausgewirkt? Der Ponywallach ist mittlerweile das entspannteste Pferd im Stall. Besuch von fremden Menschen, ein Ausritt mit einem kleinen Kind und ausgiebiges Putzen: Das alles war früher extrem schlimm für ihn. Heute hat Highly großen Spaß daran!

Sicherlich liegt diese Entwicklung aber auch zum Teil am gebisslosen Reiten und der Verwendung des Bosals, das ich dir deswegen jetzt vorstelle.

Das altkalifornische Hackamore (Bosal)

Pferd mit Bosal
Das Bosal ist eine gebisslose Zäumung aus Leder.

Das altkalifornische Hackamore besteht aus dem Bosal (Nasenstück), dem Hanger (Lederzaum um den Pferdekopf) und den Zügeln (Mecate genannt). Oft sind die Zügel heutzutage aus Nylon oder Alpakahaar geflochten. Teilweise bestehen sie auch noch aus echtem Pferdehaar.

Das Bosal wird aus Leder gefertigt, damit es sich optimal an den Pferdekopf anpassen kann. Auch hier solltest du darauf achten, dass das Bosal nicht zu eng und nicht zu locker sitzt. Es sollte daher jemand mit Erfahrung den Sitz des Bosals an deinem Pferd überprüfen. Gerne wird das Bosal zur Ausbildung von Westernpferden verwendet. Es gilt als sehr pferdefreundlich. Ein weiterer Unterschied zu anderen Zäumungen liegt in der Anbringung der Zügel.

„Die Zügel bringe ich nicht wie gewöhnlich jeweils auf beiden Seiten des Pferdekopfes an, sondern am unteren Knoten des Bosals unterhalb des Unterkiefers. Die Zügel werden dort auf eine bestimmte Art verknotet. Lass dir das am besten von jemandem mit Erfahrung zeigen“, empfiehlt Ute.

geknotetes Bosal
Beim altkalifornischen Hackamore werden die Zügel anders als bei anderen Zäumungen befestigt.

Wie knote ich das Bosal?

altkalifornisches Hackamore
Das Bosal mit dem Hanger und der Mecate.

Das Bosal sollte nach dem Reiten vom Hanger und der Mecate entfernt werden. Das Leder lässt sich bei Wärme etwas verformen, was für die Anpassung an den Pferdekopf sehr gut ist. Jedoch sollte es so verstaut werden, dass es sich bei der Lagerung nicht verbiegen kann. Meine Stallfreundin Ute hat sich hierfür einen kleinen Koffer zugelegt.

„Möchte ich mit dem Bosal reiten gehen, knote ich zuerst die Mecate und den Hanger an das Bosal und zäume dann erst mein Pferd auf. Ich habe immer einen Führteil an meiner Mecate und dann noch den Zügelteil. So kann ich beim Ausreiten mein Pferd auch problemlos führen. Besonders praktisch war das zum Beispiel beim Antrainieren nach Highlys Sehnenschaden, als ich noch nicht so viel reiten konnte.“

Das Bosal wird unter dem Kinn geknotet.

Wie wirke ich mit dem Bosal ein?

Mit dem Bosal reitest du nicht wie mit einer gewöhnlichen Trense. Das geht auch gar nicht, denn die Zügel (genannt „Mecate“) laufen am Kinn des Pferdes zusammen. Möchte ich zum, Beispiel nach links reiten, gebe ich mit dem Sitz meine Hilfen und führe gleichzeitig beide Hände parallel nach links. Das Pferd bekommt Impulse an Hals und Kopf. So mache ich ihm den Weg auf. Eine Parade würde nichts bringen, weil der Impuls auf dem Nasenrücken des Pferdes ankäme.

 

Neben dem altkalifornischen Hackamore gibt es auch noch das mechanische, das allerdings anders funktioniert. Die Unterschiede zum Bosal erfährst du hier:

Das mechanische Hackamore

mechanisches Hackamore
Das mechanische Hackamore mit Lammfellpolster.

Ein mechanisches Hackamore wirkt wie eine gebisslose Kandare. Das heißt, es wirkt über seine Aufzüge an beiden Seiten des Pferdekopfes.

Seine Schärfe lässt sich variieren. Wenn du den Nasenriemen polsterst, kommen deine Hilfen weicher auf dem Nasenbein deines Pferdes an. Möchtest du eine schärfere Wirkung erreichen, kannst du den Kinnriemen durch eine Kinnkette austauschen. Außerdem solltest du beachten, dass lange Anzüge eine stärkere Hebelwirkung haben, wohingegen kürzere Anzüge eine schwächere Hebelwirkung besitzen. Wie bei der Kandare gilt auch hier: Deine Hilfen werden bei kürzeren Anzügen direkter und schneller übertragen (ein Video über die Wirkung der Kandare findest du hier).

Weil ein Hackamore nur in erfahrene Reiterhände gehört, ist es für Springpferdeprüfungen erst ab Klasse M** und in Vielseitigkeits- und Jagdpferdeprüfungen ab Klasse M zugelassen. In Dressurpferdeprüfungen ist es nicht erlaubt. Das mechanische Hackamore ist eine scharfe Zäumung, mit der du dem Pferd, bei falscher Anwendung großen Schaden zufügen kannst.

Die Verschnallung eines mechanischen Hackamores

Wichtig ist, dass du das Hackamore korrekt in den Trensenzaum verschnallst, weil sonst seine Wirkung verändert wird. Sitzt es zu tief auf dem Nasenbein, kann dieses schlimmstenfalls brechen. Deswegen sollte es wie ein Nasenriemen einer Trense zwei Fingerbreit unter dem Jochbein sitzen.

gepolstertes Hackamore
Polsterst du das Hackamore ab, wird eine etwas weichere Wirkung erzielt.

Auch beim gebisslosen Reiten sollte das Pferd abkauen, um sich zu lösen. Deswegen darf der Nasenriemen nicht zu eng verschnallt sein. Nebeneffekt einer zu engen Verschnallung ist eine verstärkte und direktere Hebelwirkung der Hilfen. Korrekt verschnallt sollten zwei Finger zwischen den Nasenriemen und den Nasenrücken passen. So kann mein Pferd noch problemlos abkauen und meine Reiterhilfen werden ohne Verzögerung weitergegeben. Eine Verzögerung der Hilfen entsteht, wenn du den Nasenriemen zu locker verschnallst.

Du interessierst dich auch für die Kandare? Hier kommst du zu meinem Blogbeitrag über alles Wissenswerte zur Kandare!

Carina
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