Blogreihe: Von der Bodenarbeit zur Freiarbeit

Wir starten eine neue Serie für euch: Von der Bodenarbeit zur Freiarbeit. In Teil 1 behandeln die beiden Bloggerinnen Anni und Jana von Flourishalona die Körpersprache als Basis. Viel Spaß!

Die Stärke, den Stolz und die Schönheit unserer Pferde können wir nicht nur von ihrem Rücken aus erleben. Das geht ebenso gut und manchmal noch besser, wenn wir uns dabei neben dem Pferd befinden. Besonders die Freiarbeit bietet dafür eine wunderbare Gelegenheit. Sie ist unsere große Faszination, weil sie uns dem Wesen der Pferde, das wir so lieben, näher bringt. In der Freiarbeit wie wir sie verstehen, darf das Pferd sich so zeigen, wie es ist – mit all seinen Bedürfnissen, seinen Stimmungen, seinen Ecken und Kanten.

Doch warum sind Bodenarbeit und Freiarbeit so nützlich, wenn es darum geht, eine Beziehung zu unseren Pferden aufzubauen? Wie können wir erste Schritte in der Bodenarbeit wagen? Und wie fängt man am besten mit der Freiarbeit an? Diesen Themen möchten wir uns in einer kleinen Blogreihe widmen und dir neben einigen philosophischen Gedanken auch ganz konkrete Übungen an die Hand geben, die dir helfen, dich und dein Pferd neu zu entdecken, neues Terrain zu erkunden und dabei vor allem gemeinsam Spaß zu haben.

Wozu eigentlich Bodenarbeit?

In der Bodenarbeit können wir dem Pferd alles beibringen, was es lernen muss, um sein Leben an der Seite des Menschen zu meistern. Die Bodenarbeit bietet enorm viel Abwechslung für Körper und Geist des Pferdes. Sie ermöglicht es uns, eine innige Beziehung zum Pferd aufzubauen. Mithilfe guter Bodenarbeit können wir Pferde bis ins hohe Alter fit halten, im Krankheitsfall für Beschäftigung sorgen und sie für ihre Tätigkeit als Reitpferd vorbereiten. In der Bodenarbeit ist unserer Kreativität keine Grenze gesetzt.

Das Problem mit der Verständigung – Bodenarbeit als Weg

Doch am Beginn steht ein Problem: Pferde und Menschen sprechen von Natur aus keine gemeinsame Sprache. Um uns miteinander verständigen zu können und Aufgaben wie gemeinsame Spaziergänge, Reiten oder Longieren bewältigen zu können, müssen wir eine ganz neue Art der Kommunikation entwickeln.

Der große Vorteil der Bodenarbeit liegt darin, dass das Pferd den Menschen sehen kann. Auf die visuelle und taktile Körpersprache anderer Wesen zu reagieren, kennt das Pferd schon, denn so verständigt es sich auch mit seinen Artgenossen. So haben wir bereits eine gute Voraussetzung, um eine gemeinsame Kommunikation zu entwickeln.

Exkurs: Müssen wir lernen, wie Pferde zu kommunizieren?

Wir sollten uns dennoch nicht dazu verleiten lassen zu glauben, dass wir die Sprache der Pferde jemals perfekt erlernen könnten. Unser Körper ist nun einmal ganz anders aufgebaut und uns fehlen viele wichtige Kommunikationsmittel, wie etwa das Ohrenspiel oder die Mimik der Nüstern. Es ist jedoch auch gar nicht notwendig, dass das Pferd den Menschen als Artgenossen wahrnimmt, denn Pferde sind in der Regel sehr lernwillig, neugierig und bereit, sich auf den Menschen und dessen Art sich körpersprachlich mitzuteilen, einzulassen. Die Kommunikation zwischen Pferd und Mensch basiert auf Lernprozessen. Beide Seiten machen Erfahrungen mit dem jeweils anderen Wesen und lernen nach und nach, dessen Signale zu interpretieren.

Nathan hat gelernt, Janas Bewegungen zu spiegeln.

Wie können wir eine gute Körpersprache entwickeln und was ist überhaupt eine gute Körpersprache?

Die Sprache unseres Körpers ist zum einen dann gut, wenn sie vom Pferd möglichst intuitiv verstanden wird – aber auch, wenn sie “effektiv” ist, also funktioniert, weil eine Vereinbarung über die Bedeutung der Signale getroffen wurde. Damit sie intuitiv verstanden werden kann, müssen die Signale unseres Körpers aus Sicht des Pferdes Sinn ergeben und dürfen sich nicht widersprechen. Wenn ich mein Pferd beispielsweise einlade, zu mir zu kommen, indem ich mich etwas klein mache, ihm dabei jedoch mit angespannten Schultern und starrem Blick gegenüberstehe, dann wird das Pferd vermutlich verunsichert reagieren, weil das eine Signal das Gegenteil des anderen Signals kommuniziert. An dieser Stelle ärgerlich zu reagieren, weil das Pferd nicht oder falsch reagiert, ist aus Sicht des Pferdes unverständlich. Wir büßen dadurch einen Teil des Vertrauens ein, denn wir erweisen uns als unklarer und unvorhersehbarer Partner. Um uns dem Pferd gegenüber fair zu verhalten, sollten wir daher immer hinterfragen, ob wir möglicherweise widersprüchliche Signale geben.

Nathan neigt dazu, sich mit den Hinterbeinen stark nach vorn über die Vorhand zu schieben. Meine angehobene Hand bittet ihn hier darum, den Kopf weiter oben zu tragen und das Tempo zu drosseln.

Wenn dein Pferd dir nicht die Antwort gibt, nach welcher du gefragt hast, dann hat es dich wahrscheinlich nicht verstanden (oder es fehlt ihm ein guter Grund, dir die entsprechende Antwort auch zu geben). Um eine gute Körpersprache zu entwickeln, darfst du damit beginnen, ein Gefühl für deinen Körper zu entwickeln – denn während du neben dem Pferd her läufst, kannst du dich selbst nicht sehen. Du musst erspüren, wie sich dein Körper bewegt und du musst lernen, diese Bewegung ganz gezielt verändern zu können. Daher haben wir hier bereits eine erste Übung zur Schulung deines Körpergefühls.

Übung 1: Schulung des Körpergefühls

Stelle dich so vor einen Spiegel, dass du dich nicht frontal anschaust, sondern deinen Kopf zur Seite drehen musst, um dich sehen zu können. Lasse deinen Kopf jedoch zuerst nach vorn ausgerichtet und suche dir eine Stelle im Raum, die du mit weichem Blick betrachtest. Stelle deine Füße so weit auseinander, dass sie unter deinen Hüftknochen stehen, die Zehenspitzen zeigen ganz leicht nach außen. Schwinge ein wenig vor und zurück und von einer Seite zur anderen. Spüre dabei, wie sich das Gewicht auf deinen Füßen verteilt und verändert. Wie weit kannst du schwingen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren?

Dann wandere deinen Körper hinauf. Wie fühlen sich deine Knie an? Wirf mal einen Blick in den Spiegel. Stehst du mit durchgestreckten Beinen oder belastest vielleicht sogar ein Bein mehr als das andere? Lockere nun deine Muskulatur in den Beinen so weit, dass du sie nur soweit anspannst, wie es zum Stehen notwendig ist. Deine Knie sollten dabei nicht durchgedrückt sein.

Wie sieht es mit deinem Becken aus? Spüre erst hinein, bevor du einen Blick in den Spiegel wirfst. Ist dein Becken über deinen Knien und Fußgelenken ausgerichtet oder schiebst du es unbewusst nach vorn? Vielleicht bleibt es auch etwas hinter deinem restlichen Körper zurück. Oft sind wir im Bereich unserer Lendenwirbelsäule sehr fest. Lasse daher dein Becken kreisen, wenn dir das guttut und richte es dann mittig über deinen Knien und Füßen aus. Schaue wieder in den Spiegel. Wie hat sich deine Haltung inzwischen verändert? Wie fühlt sich das an?

Nun geht es weiter zu deiner Wirbelsäule. Im Rücken und Nacken treten besonders häufig Spannungen auf, die unter anderem dadurch entstehen können, dass wir Haltungen einnehmen, die uns viel Kraft kosten. Spüre in deinen Oberkörper hinein: Fallen deine Schultern vielleicht nach vorn, sind sie hochgezogen oder schiebst du eher die Brust nach vorn heraus? Kannst du die Aktivität deiner Bauchmuskulatur wahrnehmen? Die Bewegung deiner Rippen beim Atmen spüren?

Deine Wirbelsäule verläuft in einer leichten S-Kurve. Versuche gedanklich, deine Wirbelkörper übereinander zu platzieren, um so den Druck gleichmäßig zu verteilen. Das ist nur möglich, wenn keine starken Knicke vorhanden sind und die Linie unserer Wirbelsäule an keiner Stelle “bricht”.

Nun beobachte deine Atmung. Stelle dir dabei vor, dass du mit jedem Einatmen etwas zur Decke hin wächst. Beim Ausatmen gibst du Spannungen in den Boden ab, jedoch ohne dabei wieder in dich zusammenzufallen.

Dein ganzer Körper ist nun in einer positiver Grundspannung aufgerichtet. Diese Grundspannung erlaubt es dir, dich in alle Richtungen zu bewegen, dein Gleichgewicht zu halten und vor allem, deinen Körper achtsam zu erspüren. Dies ist die Grundlage für eine funktionierende körpersprachliche Kommunikation mit deinem Pferd.

Auf diese Art kannst du im Alltag immer wieder in deine Haltung hineinspüren, dich neu ausrichten und so ein immer besseres Körpergefühl entwickeln.

Was passiert, wenn wir selbst unausbalanciert neben dem Pferd herlaufen?

Das Pferd kann sich so nicht sicher an uns orientieren. Es versucht uns zu spiegeln und gerät dann selbst aus dem Gleichgewicht. Viele “rüpelige” Pferde sind in Wahrheit sehr feine Pferde, denen es schwer fällt, sich neben einem sich schwammig und schief bewegenden Menschen so auszurichten, dass sie ihre Linie halten können. Wir beginnen die Bodenarbeit mit unseren Schülern deshalb gern mit einer sehr einfach wirkenden und doch recht anspruchsvollen Übung: Der Mensch läuft neben dem Pferd. In dieser Übung werden Pferd und Mensch gleichermaßen geschult und darauf trainiert, gegenseitig aufeinander Acht zu geben – eine sehr wertvolle Basis für das weitere Training, wie z.B. die Freiarbeit! Nur, wenn wir harmonisch nebeneinander herlaufen können, kann der Tanz beginnen.

Hier sieht man, wie ich Nathan zu sehr beeinflussen will und ihn dadurch aus der Balance bringe. Weniger ist oft mehr.

In der kommenden Folge unserer Blogreihe stellen wir euch eine weitere Übung vor.

Viel Freude mit deinem Pferd wünschen dir

Jana und Anni von Flourishalona

 

Weitere Tipps und Ideen zur freien Arbeit mit euren Pferde könnt ihr euch bei Flourishalona auf www.instagram.com/flourishalona oder in ihrem Blog anschauen.

Christine

Meine Leidenschaften Schreiben und Pferde bekomme ich bei Loesdau perfekt unter einen Hut. Seit November 2011 sind Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne und externe Kommunikation sowie die Sozialen Medien meine beruflichen „Spielfelder“.
Christine

Letzte Artikel von Christine (Alle anzeigen)

Über Christine

Erfahrung/Motivation: Nach einer sehr langen Reitpause begann ich im April 2012 wieder zu reiten. Eine schöne Schwarzwälder Fuchs Stute namens Jeany freute sich genauso wie ich über unsere langen und erholsamen Ausritte durch den Wald. Das Besondere an unserer Verbindung ist und bleibt, dass Jeany es schaffte, mich sehr schnell wieder komplett für Pferde zu begeistern. Zwar gelingt es mir momentan aus beruflichen und familiären Gründen nur ein bis zweimal in der Woche bei den Vierbeinern, die mir so viel geben, zu sein, den Stall zu machen und zu reiten. Aber diese Auszeiten müssen sein! Jeanys Stallgenossen sind wunderschöne Tersker, von denen ich momentan Nadja reiten darf. Wir sind ein relativ neues Team und gewöhnen uns noch im Dressurviereck und im Gelände aneinander – allerdings mit allerbesten Fortschritten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ja, ich bin damit einverstanden, dass meine eingegebenen Daten für die Bearbeitung und Anzeige meines Kommentars verarbeitet werden. Die E-Mail-Adresse wird im Blog nicht angezeigt. Diese Einwilligung kann von mir jederzeit widerrufen werden.