Wanderritt rund um Lettland

Lettland auf dem Pferderücken zu umrunden, klingt nach einem bombastischen Unternehmen. Um das etwa ein Fünftel so große Land wie Deutschland mit seinen 64.589 km² zu umrunden, müssen 1836 km zurückgelegt werden. Wer auf so eine Idee gekommen ist? Tina Runce, Deutsche, die vor 20 Jahren nach Lettland ausgewandert ist, mit ihrer Stute Dempsija (14, lettisches Warmblut) und Līga Vilne, Lettin, mit ihrer Stute Prīma (18), Dempsijas Mama. Sie hat uns von dem Ritt erzählt und wir wollen dir die Vorbereitungen und die erste Etappe des Abenteuers – den Küstenabschnitt Lettlands – nicht vorenthalten. Vielleicht planst du diesen Sommer ja auch eine mehrtägige Tour? Hier erfährst du von Tina viele wertvolle Tipps.

Tina Runce (rechts) und Līga Vilne umrunden mit ihren beiden Stuten Lettland. Der Küstenabschnitt ist geschafft. (Titelbild und Foto oben: Marenda Zapolska)

„Ein mehrtägiger Wanderritt war schon seit der Jugend unser Traum. Da wir auch im Alltag längere Distanzen von bis zu 30 km reiten, nach denen die Pferde immer noch munter und fröhlich waren, sollten 1836 km doch auch zu schaffen sein. Der Reitsport ist in Lettland, einem armen EU-Land, längst nicht so populär wie in Deutschland. Distanz- oder Wanderreiten gibt es praktisch nicht. Unsere Pferde stehen 24/7, Sommer wie Winter draußen, obwohl die Winter hier sehr ungemütlich werden können! Von einem vernünftigen Reitplatz oder gar einer Halle können wir hier nur träumen. Leichte Dressurarbeit, Bodenarbeit usw. finden auf einer (relativ ebenen) Wiese statt. Aber hauptsächlich reiten wir im Gelände.

Warum also nicht einmal um das ganze Land herumreiten, um damit die Aufmerksamkeit auf die Pferde, die lettische Natur und die in Lettland eher unbekannte gebisslose Reitweise zu lenken. Lettland wurde schon von verschiedenen Leuten und Gruppen umrundet – zu Fuß, auf dem Fahrrad oder mit dem Motorrad. Die Letten sind ein sehr patriotisches und naturverbundenes Volk. Pferde wurden bis vor 20 Jahren noch sehr häufig in der Landwirtschaft eingesetzt, auch ich habe oft genug beobachtet, wie im Sommer das Heu mit dem Pferdewagen eingefahren wurde. In den ärmeren Regionen arbeiten auch heute noch Pferde auf dem Feld. Wir entschlossen uns also, mit unseren Pferden die Grenzregionen zu Litauen, Russland, Weißrussland und Estland zu erkunden, möglichst viele Menschen kennenzulernen sowie die wunderbare Natur zu genießen! Zusätzlich erhofften wir uns, etwas Aufmerksamkeit auf eine andere Herzensangelegenheit zu lenken.

Lettland wurde schon von verschiedenen Leuten und Gruppen umrundet – zu Fuß, auf dem Fahrrad oder mit dem Motorrad. Aber eben noch nie zu Pferd.

Mit unseren Pferden besuchen wir Menschen in Behindertenheimen, Altenheimen und Kinder im SOS Kinderdorf. Einfach so, weil es uns große Freude macht wie alte, kranke, einsame, große und kleine Menschen auf die Pferde reagieren. Wie die Augen leuchten und die Gesichter strahlen. Wir nehmen an verschiedenen Veranstaltungen unserer Gemeinden teil und lassen Kinder kostenlos reiten. Wir organisieren Fotoshootings am Strand und versuchen immer wieder, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. All das finanzieren wir selbst und mit unserer Lettlandumrundung hoffen wir, eventuell die eine oder andere finanzielle Unterstützung für unsere Projekte zu finden.

Wir, die wir noch nie einen Wanderritt unternommen hatten, begannen schließlich im Herbst 2018 mit intensivem Training. Reiten nicht nur bei passendem Wetter oder Lust und Laune, sondern drei längere Ausritte über etwa 20 km pro Woche, gerne auch länger. Zweimal pro Woche leichte Arbeit auf dem „Reitplatz“, einmal wöchentlich Bodenarbeit, Schrecktraining und natürlich ein freier Tag für die Pferde, die sich allerdings auf ihrer acht Hektar großen Koppel auch relativ viel bewegen.

Die Pferde wurden sehr lange auf den Wanderritt vorbereitet. Lange Austritte, Schrecktraining und Bodenarbeit gehörten unter anderem dazu.

Dazu arbeiteten wir immer wieder daran, dass uns die Pferde bedingungslos überallhin folgen. Dempsija und Prīma sind zwei sehr ausgeglichene, unerschrockene und mutige Damen, die ihrem Seelenmenschen vertrauen. Training auch bei strömendem Regen, eisigem Wind, Tiefschnee, Matsch und Schlamm. Ich kann nicht behaupten, dass das immer Spaß gemacht hat. Aus Zeitgründen haben wir die Trainingseinheiten natürlich aufgeteilt. Meistens ist nur eine von uns geritten und hat das zweite Pferd als Handpferd mitgenommen.

Anfangs stellten wir uns – zugegeben etwas naiv – vor, ein drittes Pferd als Packpferd mitzunehmen. Dieses sollte neben unseren persönlichen Sachen den mobilen Weidezaun inklusive Batterie, Zelt, Luftmatratzen, Schlafsäcke, Reserveinventar usw. mitschleppen. Da wir aus Zeitgründen nicht die gesamte Strecke an einem Stück reiten konnten, beschlossen wir, zu Beginn nur die gesamte lettische Ostseeküste von Litauen bis Estland abzureiten. Laut Karte 498 km, aber jeder Wanderreiter weiß, dass es immer etwas mehr wird. Bei uns waren es letztendlich nach 16 Tagen 620 km, wobei wir einen Tag Pause machten. Der Boden in der Küstenregion ist karg, der Grasbewuchs eher spärlich. Es war also klar, dass wir den Pferden Kraftfutter oder Ähnliches zufüttern müssen. Damit hatte sich das Thema autonomes Reiten und Packpferd erledigt, wollten wir doch keine ganze Muliherde mitschleppen. Wir entschlossen uns also, ein Begleitfahrzeug zu organisieren, damit das Gepäck einfacher transportiert werden konnte.

Glücklicherweise hatten wir ein Begleitfahrzeug dabei. Unsere Übernachtungsplätze waren für uns und die Pferde vorbereitet, wenn wir abends müde dort ankamen.

Das hatte auch den Vorteil, dass der mobile Weidezaun schon aufgebaut war, wenn wir das jeweilige Etappenziel erreichten und wir von unserer Begleitung auch sonst reichlich tatkräftige Unterstützung bekamen. So langsam mussten wir auch beginnen, uns über die Planung und Organisation Gedanken zu machen. Die Streckenplanung war insofern nicht besonders schwierig, als dass es einfach immer an der Küste entlang ging. So malerisch die Strände Lettlands auch sind, gibt es doch einige wenige Abschnitte, an denen das Reiten nicht möglich oder erlaubt war. Unser Weg sollte uns unter anderem durch die Hansestädte Liepāja und Ventspils, den elitären Badeort Jurmala und natürlich die lettische Hauptstadt Riga führen. In den Hafengebieten ist das Reiten nicht möglich. Zudem gibt es Naturschutzgebiete, die sich bis zum Strand erstrecken und die mit Tieren nicht betreten werden dürfen sowie gekennzeichnete Badestrände, an denen keine Tiere erlaubt sind. Alles in allem schätze ich aber, dass von den 498 Küstenkilometern gut 400 km Strand für Reiter frei zugänglich sind.

Von den 498 Küstenkilometern sind gut 400 km Strand für Reiter frei zugänglich. (Foto: Marenda Zapolska)

Wir wollten das Land entlang der Grenze umrunden, also einen großen Bogen um die Küstenstädte machen? Nein, das kam für uns nicht in Frage. Also absteigen und die Städte möglichst küstennah zu Fuß durchqueren. Da Riga etwa 700.000 Einwohner hat und der Dauerstau durchaus mit deutschen Großstädten wie Frankfurt zu vergleichen ist, war schnell klar, dass wir nachts durch die Hauptstadt müssen, um den Stress für die Pferde möglichst gering zu halten und keine gefährlichen Situationen im Straßenverkehr zu provozieren. Mit der Hilfe Ortskundiger „spazierten“ wir nach Ende des Berufsverkehrs in knapp sieben Stunden durch die lettische Hauptstadt. Vorbei an Sehenswürdigkeiten, über den Fluss Daugava, mitten in der Nacht ein kurzer Stopp an einer Tankstelle, wo wir Wasser bekamen. Am nächsten Tag bekamen die Pferde natürlich frei, hatten wir doch am Vortag fast 60 km zurückgelegt.

Die lettische Hauptstadt Riga durchquerten wir nachts und entgingen so dem dichten Berufsverkehr.

Reitern stellt sich hier natürlich die Frage, wie wir die Hufe der Pferde geschützt haben. Im Alltag, auch bei langen Trainingseinheiten laufen unsere Pferde barhuf. Auf Asphaltwegen sind wir sonst praktisch niemals unterwegs und da Lettland ein eher armes Land ist, fehlt es an finanziellen Mitteln, die einfachen Wege zwecks besserer Befahrbarkeit mit Schotter auszustatten. Des einen Leid (die Autofahrer kämpfen sich bei feuchter Witterung durch den Schlamm) – des anderen Freud (für Pferd und Reiter ist das natürlich optimal). Es war allerdings klar, dass wir viel am Strand unterwegs sein werden und der Sand wie Sandpapier auf die Pferdehufe wirkt. Wir standen nun vor der Frage Hufeisen oder Hufschuhe. Nach ausführlicher Beratung mit unserem erfahrenen Hufschmied entschieden wir uns für die Dauer des Wanderrittes für die klassischen Hufeisen und konnten hinterher sagen, dass das in unserem Fall die richtige Entscheidung war.

Auf Asphaltwegen sind wir fast nie unterwegs. Dem eher ärmeren Lettland fehlt es an finanziellen Mitteln, die einfachen Wege zwecks mit Schotter auszustatten. Foto: Marenda Zapolska

Die Hufeisen waren buchstäblich plattgelaufen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, so eine Tour ohne Hufschutz zu machen. Sicher gibt es beim Thema Beschlag oder Hufschuhe relativ viele Möglichkeiten, die jeder individuell für sein Pferd abklären muss. Für unsere robusten, gesunden Pferde war das klassische Hufeisen ideal. Zudem hatte sich die Prognose unseres Hufschmiedes erfüllt. Er wies uns schon zu Beginn des intensiven Trainings darauf hin, dass sich nicht nur die Kondition der Pferde verbessern würde, sondern dass wir nach ca. 8 Monaten eine deutliche Verbesserung der Hufe feststellen würden. Genauso war es. Die viele Bewegung auf natürlichem Untergrund und häufiges Reiten am Strand im Salzwasser hat den Hufen gut getan. Dazu das Leben 24/7, das ganze Jahr über draußen.

Die viele Bewegung auf natürlichem Untergrund hat den Hufen gut getan.

Natürlich mussten wir überlegen, wo wir während des Wanderrittes eine längere Mittagspause einlegen und wo wir nachts unser Zelt aufstellen konnten. Geplant waren vormittags 20, höchstens 25 km zu reiten und dasselbe nochmal am Nachmittag, an einigen Tagen auch weniger. Letztendlich sind wir im Durchschnitt auf relativ genau 40 km/Tag gekommen. Wir planten also anhand einer einfachen Karte die ungefähren Etappen. Schon während der Trainingsphase hatten wir eine Facebookseite erstellt, um eventuelle Interessenten über unseren geplanten Wanderritt zu informieren. Die Resonanz war überwältigend. Fremde Menschen drückten ihre Begeisterung aus, wir bekamen Sachspenden (Reithosen, Kraftfutter) und von völlig Fremde Schlaf- und Rastplätze angeboten. So entstand die Idee, auf Facebook gezielt nach Übernachtungsmöglichkeiten zu fragen.

Die lettische Gastfreundschaft hat uns immer wieder überrascht!

Schon kurz nach der Veröffentlichung unserer geplanten Route und der Bitte um Unterstützung hagelte es Angebote. Wiesen, die wir für Zelt und Weidezaun nutzen durften, Übernachtungsmöglichkeiten bei uns unbekannten Menschen, die Pferde durften im Garten stehen oder Unternehmer, die uns ein Ferienhäuschen oder ein Appartement kostenlos für eine Nacht zur Verfügung stellten. Im Gegenzug machten wir natürlich auf unserer Facebookseite kräftig Werbung für die entsprechende Unterkunft. Es ging uns nicht darum, „für lau“ irgendwo unterzukommen. Wir wollten ein Projekt verwirklichen, bei dem sich die Menschen in der Grenzregion die Hand geben und ihre Herzen für ein wunderbares Projekt öffnen. Es gab Tage, an denen wir wie die Präsidenten empfangen und mit den köstlichsten Speisen verwöhnt wurden, während wir an anderen Tagen die unberührte lettische Natur genossen, in einem Zelt, irgendwo auf einer Wiese, ohne Wasser für uns (für die Pferde aus einem Teich), ohne Strom. Auf die Frage, wo wir denn auf die Toilette gehen könnten, hieß es: „Dahinten sind die Büsche.“

Nach ausführlicher Planung waren also die Etappen und die Unterkünfte festgelegt und durch das regelmäßige Training waren die Pferde in guter Form. So langsam mussten wir uns Gedanken über die Packliste machen.

Alles für einen elektrischen Weidezaun stand unter anderem auf unserer Packliste.

Wahrscheinlich gibt es keine Frau, die für eine Reise nicht viel zu viel Zeug einpackt. Das wollten wir natürlich unbedingt vermeiden. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass es uns nicht gelungen ist. Wir begannen, eine Liste zu erstellen. Was brauchen wir während des Reitens – für die Pferde und für uns? Was muss für die Versorgung und Pflege der Pferde eingepackt werden? Erste Hilfe für Reiter und Pferde nicht vergessen. Verschiedenes Reserveinventar, falls ein Steigbügelriemen reißt oder etwas anderes kaputt geht. Genügend frische Satteldecken. Kraftfutter. Klamotten für uns. Regensachen. Und, und, und. Wir hätten locker einen LKW vollbekommen. Am Ende haben wir uns scheinbar auf das Nötigste beschränkt und die Hälfte davon doch nicht gebraucht. Hier unsere Packliste, die auch für die nächste Tour so aussehen wird: 2020 Wanderritt Packliste.

Was allerdings auf keinem Wanderritt fehlen darf, siehst du hier:

Das waren in etwa unsere fast ein Jahr andauernden Vorbereitungen für unseren ersten Wanderritt. Wir haben sicher nicht alles richtig gemacht. Erfahrene Wanderreiter finden wahrscheinlich genügend Kritikpunkte. Wir haben alles mit bestem Wissen und Gewissen geplant und versucht, die Pferde und uns optimal vorzubereiten. Schlussendlich können wir mit Stolz und Freude behaupten, dass alles wunderbar geklappt hat und wir uns auf die zweite Etappe genauso vorbereiten und freuen.“

 

Christine
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Über Christine

Erfahrung/Motivation: Nach einer sehr langen Reitpause begann ich im April 2012 wieder zu reiten. Eine schöne Schwarzwälder Fuchs Stute namens Jeany freute sich genauso wie ich über unsere langen und erholsamen Ausritte durch den Wald. Das Besondere an unserer Verbindung ist und bleibt, dass Jeany es schaffte, mich sehr schnell wieder komplett für Pferde zu begeistern. Zwar gelingt es mir momentan aus beruflichen und familiären Gründen nur ein bis zweimal in der Woche bei den Vierbeinern, die mir so viel geben, zu sein, den Stall zu machen und zu reiten. Aber diese Auszeiten müssen sein! Jeanys Stallgenossen sind wunderschöne Tersker, von denen ich momentan Nadja reiten darf. Wir sind ein relativ neues Team und gewöhnen uns noch im Dressurviereck und im Gelände aneinander – allerdings mit allerbesten Fortschritten!

2 Kommentare zu “Wanderritt rund um Lettland

  1. Linda Kokott

    Hallo!
    Das klingt sehr spannend, auch wir planen einen langen Wanderritt von ca. 800 km dirch Polen in 2021. Gibt es eine Möglichkeit mit den beiden Reiterinnen in Kontakt zu treten? Wir würden uns sehr über einen Austausch freuen. Herzliche Grüße! Linda
    Facebook (Le Koko)

    • Hallo ihr beiden,
      das ist ja toll und wir wünschen euch viel Glück und viel Spaß! Gerne stellen wir den Kontakt zu den beiden Lettland-Reiterinnen für euch her.
      Liebe Grüße euer Loesdau Team

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